Villa Stierstadt - Ein Leben auf 6 Quadratmetern

Villa Stierstadt

Ein Leben auf 6 Quadratmetern

Zur Story

Von Maurice Hippchen und Timo Nirmaier — Mai 2018

Am Parkplatz drohte es zu scheitern!

Ein Visionär und Handwerker auf der Suche nach einer neuen Herausforderung und der Erfüllung seines Traumes. Ein altes Trafohäuschen, ein fester Bestandteil der Landschaft und der Ortschaften, sollte zu neuem Leben erweckt werden. Doch das Vorhaben drohte nicht nur einmal zu scheitern und es gab eine Vielzahl an Hindernissen zu überwinden.

Achim Schollenberger und Simone Stiefel vor der „Villa Stierstadt“
Bild: M. Hippchen, 2018

Achim Schollenberger und Simone Stiefel vor der „Villa Stierstadt“ Bild: M. Hippchen, 2018

Achim Schollenberger ist Architekt und Handwerker durch und durch. In Gesprächen über seine Projekte spürt man regelrecht seine Begeisterung und Leidenschaft zur außergewöhnlichen Umnutzung von historischen Gebäuden.

In seinem Beruf, getrieben von Terminen und Zeitdruck, kann er in seinen eigenen Projekten voll und ganz seinen Vorstellungen und Wünschen nachgehen. Dazu hat er jede freie Minute in den Umbau gesteckt und wurde dabei von seiner Lebensgefährtin Simone Stiefel tatkräftig unterstützt


Ich wollte schon immer eine alte Trafostation haben

Achim Schollenberger

Ein Traum geht in Erfüllung

Wofür er die alte Trafostation nutzen möchte, darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Alleine die Architektur und die Geschichte dazu haben ihn bewogen, eine Station zu kaufen. Der Erhalt von historischen Gebäuden und der Landschaft ist Ihm wichtig.

Daraufhin hat er die regionalen Energieversorger, denen die Trafostationen nach wie vor gehören, angeschrieben und nach einem möglichen Kauf einer solchen nachgefragt. Die Energieversorger haben mit den alten Trafostationen Instandhaltungskosten zu tragen, waren aber über eine solche Anfrage überrascht. Ein Verkauf ist eigentlich nicht vorgesehen. Nach drei Besichtigungen verschiedener Stationen hat er sich für die Station in Stierstadt entschieden. Die Architektur, die Lage und die Infrastruktur hatte es ihm angetan. So sollte Herr Schollenberger einen möglichen Kaufpreis vorschlagen. Der Traum war ihm 2.000 Euro wert und der Energieversorger hat den Kaufpreis sogar noch auf 1.500 Euro reduziert. Somit kam es dann schlussendlich zum Kauf dieser Station.

Kennzahlen

Die wichtigsten Kennzahlen auf einen Blick.

6,1

m2 Grund­fläche

3

Etagen

14

m2 Wohn­fläche

1500

Euro Grund­stücks­kosten

50000

Euro Projekt­kosten

9

Jahre Projekt­dauer

Ist das Haus noch zu retten?

In der ersten Phase der Arbeiten musste das komplette Haus entkernt werden und schnell wurde das ganze Ausmaß sichtbar. Die Balken im Dachgeschoss waren zerfressen und nicht mehr nutzbar. In der langen Zeit der Nichtnutzung machten sich Insekten und Schädlinge ans Werk. Wespen suchten Schutz im Dach und bauten sich ein Nest. Dazu kam eine Menge an Schutt, der nur langsam aus dem Haus abgetragen werden konnte. Die lästige Arbeit schien kein Ende zu nehmen. Doch das war noch harmlos im Gegensatz zum Holzwurm, der das komplette Dachgebälk befallen hatte. Da hilft nur eins: Vier Stunden lang auf 60 Grad einheizen, damit der Schädling vernichtet wird.

Wir haben daraus eine Grillparty veranstaltet und wer wollte konnte sich im Haus eine Sauna gönnen. Wahlweise mit Absinth- oder Kräuterlikör-Aufguss

Achim Schollenberger

Nach der „Holzwurm-Party“ war der Schädling vollständig beseitigt. Dann mussten die Balken ausgetauscht und stabilisiert werden. Das ganze Innenleben wurde von Grund auf saniert

Grundflächen im Vergleich

Grundgriss im Vergleich

Vergleich der Grundflächen der Villa Stierstadt (3×2 Meter; 6 m2), einem Parkplatz (2,3×5 Meter; 11,5 m2) und einem durchschnittlichen Wohnhaus (9×11 Meter; 100 m2).
Bild: M. Hippchen, T. Nirmaier

Der erste Plan

Für die Umnutzung zu einem Wohnhaus hat sich Herr Schollenberger etwas Besonderes überlegt. Die Grundfläche sollte durch ein Hochbett um ein halbes Stockwerk vergrößert werden. Mit dem ersten Plan hat er einen Bauantrag eingereicht. Das sollte aber nicht das Problem werden, sondern der nicht vorhandene Parkplatz. Zu jedem neu entstehenden Wohngebäude ist ein Parkplatz vorgeschrieben. Erst nach längeren Verhandlungen mit den Behörden und der Deutschen Bahn konnte der Parkplatz realisiert werden. Das Haus liegt direkt an der Bahnstrecke und daher gehören der Bahn ein kleines Stück des Grundstückes neben dem Haus und der andere Teil gehört der Stadt Stierstadt. Alles andere als einfach.

Das Grundstück direkt vor der Haustür, also der Gehweg an der Straße entlang, gehört zum Grundstück des Trafohäuschens. Das war die glückliche Fügung. Somit konnte das Grundstück vor dem Haus mit dem Grundstück neben dem Haus im Rahmen einer sogenannten Grunddienstbarkeit getauscht werden. Die letzten Quadratmeter konnte er von der Deutschen Bahn langfristig anmieten.

Der Umnutzung zum kleinsten freistehenden Wohnhaus Deutschlands stand also nichts mehr im Wege.

360 Grad-Rundgang durch die „Villa Stierstadt“

Einen richtigen Eindruck von der Villa Stierstadt erhält man tatsächlich erst, wenn man sich innen umgeschaut hat. Mithilfe des folgenden 360 Grad-Rundgangs kann man sich durch die einzelnen Räume des ehemaligen Trafhohäuschens navigieren und umschauen.

Der zweite Plan — ist doch größer, als gedacht

Nachdem das Haus komplett entkernt war und die tatsächliche Größe ersichtlich wurde, sollte der erste Plan umgeworfen werden. Mit einer Höhe von 7,5 Metern ist Platz für insgesamt drei Geschosse. Bei der Planung und der Umsetzung ist die Ausbildung zum Architekt und die Erfahrung im Handwerk vorteilhaft. Der Kontakt zu den Behörden natürlich auch. Denn das Miniatur-Wohnhaus benötigt auch teilweise Befreiungen von Vorschriften. So entspricht die Deckenhöhe im Obergeschoss nicht der vorgeschriebenen Höhe und die Treppen dem wenigen Platz geschuldet auch nicht ganz den Vorschriften der hessischen Bauordnung. Da es sich aber um ein außergewöhnliches Haus mit ungewöhnlichen Ausmaßen handelt und es um den Erhalt der Architektur geht, wurden diese Ausnahmen und Befreiungen durch die Behörden genehmigt.

Umbau — alles andere als Standard

Die Mikroarchitektur macht es so besonders. Hier gibt es keine Standards. Alles muss einzeln angefertigt werden. Individuell auf Besonderheiten des kleinen Wohnhauses. Die Besonderheiten liegen aber nicht nur bei dem Umbau, sondern auch in der Ausstattung des Hauses.

Es sollte an nichts mangeln. Deshalb haben wir an alles gedacht.

Simone Stiefel

Eine gute Planung ist alles. Für das Konzept wurde eine komplette Raumplanung mit Belichtung, Belüftung, Wärmeschutz und Schallschutz konzipiert. Hier wurde auf nichts verzichtet. Von einer Fußbodenheizung im Erdgeschoss über eine Be- und Entlüftungsanlage bis zum Internet wurde an alles gedacht.

Im Erdgeschoss befindet sich das Esszimmer mit der individuell geplanten und eingerichteten Küche. Für Partys, mit bis zu 12 Personen, sorgt die Stereoanlage für ordentlich Stimmung. Die Eigenkonstruktion wird durch die Solaranlage am Haus betrieben. Im Stockwerk oben drüber ist ein kleiner Flur mit angrenzendem Wohnzimmer oder auch Arbeitszimmer und einem Fernseher. Hier befindet sich auch das Duschbad. In das Dachgeschoss passt optimal das Schlafzimmer mit dem eigens dafür gebauten Bett. Auch die Aussicht von hier oben, an der Bahn vorbei ins Grüne, lässt sich sehen.

Zeitablauf

Von Kauf des Grundstücks 2008 bis hin zur Fertigstellung im Juni 2017 sind einige wichtige Daten in der folgenden Grafik verdeutlicht.

8 Meter neben der Bahn

Das Schlafzimmer liegt acht Meter auf gleicher Höhe zur Bahn und auch die Hauptverkehrsstraße im Ort läuft einen Meter am Häuschen vorbei. Da kann es auch mal sehr laut werden und wer möchte alle halbe Stunde die Bahn an seinem Haus vorbeifahren hören. Aber nicht bei Herrn Schollenberger. Um einen angenehmen Geräuschpegel zu erhalten, ist das komplette Haus schallisoliert. Da eine komplette Stille nicht natürlich ist, wurde auch darauf geachtet: eine 100%ige Schallisolierung wurde nicht realisiert.

Umnutzung ist besser als Abriss.

Achim Schollenberger

Mit der Fertigstellung der Umnutzung wurde das alte Trafohäuschen zum kleinsten freistehenden Haus Deutschlands und bekam ein neues Leben durch seine Besitzer geschenkt. Das Kleine macht es zu etwas Besonderen und gleichzeitig ist es auch ungemein gemütlich. Die Konzentration liegt auf dem Wesentlichen und trotzdem gibt es genug Freiheit. Wichtig war es den Bauherren auch, dass man sich durch die drei Geschosse auch einmal aus dem Weg gehen und sich getrennt voneinander beschäftigen kann. So sind auch 14 Quadratmeter Wohnfläche für zwei Personen erstaunlich gut zu nutzen.